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Yoga für die Frau

Ein Gespräch mit Chandra Baumgärtner, zertifizierte Iyengar Yoga-Lehrerin und spezialisiert auf den Yoga-Unterricht für Frauen.


Die Unterschiede könnten nicht größer sein: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Yoga fast ausschließlich von Männern in Indien und männlichen Bodybuildern im Westen praktiziert – 120 Jahre später, widmen sich weltweit mit 75% vor allem Frauen der Yoga-Praxis. (Quelle: https://www.thegoodbody.com/yoga-statistics/)

Der Behauptung, Yoga sei ursprünglich von Männern für Männer (-körper) konzipiert, traten Anfang der 1980er Jahre erfahrene und langjährige Yoga-Übende wie Geeta Iyengar, Lois Steinberg und Bobby Clennel u.a. mit ersten Publikationen und Veranstaltungen zum Thema „Yoga für die Frau“, „Yoga in der Schwangerschaft“ etc. entgegen.

Warum es für die körperliche und geistige Gesundheit einer Frau wichtig ist, ihre Yoga-Übungspraxis anzupassen, darüber habe ich mit Chandra Baumgärtner gesprochen, die seit kurzem eine eigene Klasse zu diesem Thema anbietet.



Claudia Lamas Cornejo: Liebe Chandra, warum sollte Yoga für Frauen anders unterrichtet werden, als für Männer?


Chandra Baumgärtner:

Betrachten wir einen Frauenkörper und einen Männerkörper allein von außen, dann fallen uns viele Unterschiede auf: Die Muskelstrukturen sind anders, Gelenke, Bänder, Sehnen und Knochendichte sind anders bei Frauen, als bei Männern. Vieles davon hängt mit der Tatsache zusammen, dass Frauen einen Monatszyklus haben oder hatten und deshalb über weite Teile ihres Lebens größeren hormonellen Schwankungen unterliegen. Machen wir uns nichts vor, es sind zwei verschiedene Körper!

Diese sind zusätzlich aufgrund von sozialen, historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen und Entwicklungen jeweils anderen Belastungen ausgesetzt. In keiner anderen praktischen Schule befassen wir uns so sehr mit dem Körper wie im Yoga. Daher sollte der Yoga-Unterricht auch auf diese grundsätzlichen Unterschiede, die letztendlich auch auf die Psyche wirken und auf das, was oft als »mind« im Yoga bezeichnet wird, eingehen.



CLC: Manche Frauen wissen gar nicht, dass sie z.B. während ihrer Menstruation keine Yoga-Umkehrhaltungen machen sollen, weil das den natürlichen Blutfluss behindert und zu Krämpfen im Unterleib und anderen Zyklusbeschwerden führen kann…


CB: Ja, es fehlt einerseits am nötigen Wissen, andererseits wird uns Frauen von allen Ecken und Ende her eingetrichtert, dass wir alles genau so machen können und machen sollen, wie Männer. In allen Bereichen des Lebens. Schau Dir so manchen post auf Instagram an, dort habe ich neulich eine hochschwangere Yoga-Übende in der Planke gesehen, der Babybauch schon fast am Boden. Wem soll das guttun? …und was soll uns damit gesagt werden? Vielleicht: "Schaut her: Ich bin kurz vor der Geburt meines Kindes und kann noch immer Liegestütz machen…???"


Foto: Setu Bandha mit Polster, Beine unterstützt: Während der Menstruation kann diese Haltung bei Unterleibskrämpfen Linderung verschaffen. Außerdem wird durch die Öffnung des Brustkorbs der Sauerstofffluss erhöht, was sich sehr positiv und beruhigend auf den Geist auswirkt.



CLC: Kurz zurück zu Deinen Anfängen im Yoga, wie war das?


CB: Schon als Kind war ich sehr bewegungsfreudig und konnte mich schlecht beim Stillsitzen auf etwas konzentrieren. Meine Mutter hat Hatha Yoga zu Hause geübt und versucht, mich dafür zu begeistern, damit ich zur Ruhe komme. Das fand ich aber eher langweilig und abschreckend. Als ich 21 Jahre alt war, hat mich eine Freundin zum Asthanga-Yoga mitgenommen und ich war sofort total begeistert von der Dynamik und dem flow dieses Stils. Leider hat die damalige Lehrerin keinen Unterschied gemacht zwischen mir, einer sehr flexiblen Schülerin und, z.B. meiner Freundin, die sehr steif war. Nach zwei Jahren habe ich massive Schmerzen im unteren Rücken und Knieprobleme bekommen, und meine Bekannte hat sich beide Menisken angerissen. So dachte ich, Yoga sei schlecht für meinen flexiblen Körper. Nach zwei Jahren Pause habe ich zufällig auf Ibiza eine Lehrerin kennengelernt, Augustina, die selbst eine langjährige Iyengar-Yoga-Lehrerin war, auch wenn sie selbst immer von sich sagte, dass sie kein Iyengar Yoga unterrichtet. Sie hatte eine Gruppe von Frauen zwischen 20-35 Jahren und in ihrem Unterricht, in dem sie spielerisch viele Hilfsmittel integriert hat, habe ich zum ersten Mal erfahren, wie Yoga-Asanas unterrichtet werden, ausgehend vom jeweiligen körperlichen oder psychischen Zustand der Schülerin.



CLC: Wie bist du beim Iyengar Yoga gelandet?


CB: Augustina ist dann irgendwann weg von Ibiza und auf der Suche nach einem neuen Lehrer bin ich bei Miguel Angel gelandet, ein Schüler von Faeq Biria. Miguel hat für Anfänger- und Mittelstufe fast nur Stehhaltungen unterrichtet, so dass ich erstmal richtig gelernt habe, meine Kniescheiben und Oberschenkelmuskeln hochzuziehen und einzusetzen. Der sehr strukturierte, klare Ansatz in Miguels Unterricht, typisch für den Iyengar-Yoga-Stil, hat geholfen, mich zu konzentrieren und körperlich wie emotional stabiler in den Haltungen zu sein.



ClC: Im Iyengar Yoga wird nicht erst seit der Publikation von Geet Iyengars Buch »Yoga für die Frau«, dem zyklusgerechten Üben große Beachtung geschenkt. In der Ausbildung ist z.B. das spezielle Menstruationsprogramm und seit der neuen Level-Einteilung auch das Programm für schwangere Schülerinnen ein wichtiger Bestandteil der Grundausbildung. Hast du mit diesen Publikationen gearbeitet?


CH: Ja, ich habe mit diesem großartigen Buch von Geeta Iyengar, »A Gem für Women« während meiner Schwangerschaft geübt. Damals lebte ich gerade in Venezuela und hatte keinen Lehrer_in in der Nähe. Das Buch war mir eine gute Hilfe, auch wenn ich im Nachhinein sagen muss: Das Buch ist nicht für Anfänger_in geeignet. Vieles habe ich damals nicht verstanden und nur das geübt, wobei ich mich sicher fühlte.

Heute sind Sachbücher zu diesem Thema, beispielsweise von Lois Steinberg oder Bobby Clennell einfacher aufgebaut. Kann eine vorgeschlagene Haltung nicht eingenommen werden, werden Alternativen oder Variationen unter Verwendung von Hilfsmitteln mit abgebildet. Beide genannte Autorinnen waren jahrzehntelang Schülerinnen von Geeta Iyengar, so dass wir indirekt wieder auf deren Wissen Zugriff haben.


Foto: Supta Baddha Konasana unterstützt: Bei körpelicher oder emotionaler Erschöpfung, sowie bei ziehende Schmerzen im Unterleib während der Menstruation oder Schwangerschaft weitet und entspannt dieses Asana die Beckengegend und hilft, Bewusstein zum Uterus zu bringen. Die Durchblutung der Beckenorgane wird besonders gefördert.



CLC: Welches Ziel verfolgst Du mit Deinem Ansatz und Deinem Kurs ”Yoga für Frauen“?


CB: Mir ist wichtig, dass jede Schülerin lernt, auf ihren Körper zu hören und nicht einfach ein vorgegebenes Programm durchhüpft. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu schulen, schützt einen davor, blind einem Lehrer oder einer Methode zu folgen.



CLC: Abhijata Iyengar hat das, was du da beschreibst, einmal als ”Sensibilität-Schulung“ bezeichnet. Das fängt mit ehrlichem Selbststudium an, svadjaja genannt…


CB: Ja, genau und ich möchte meine Schüler_innen darin unterstützen, das für sich selbst zu erkennen, denn manchmal nimmt Frau keine Klötze weil sie sich wundert: ”Aber letzte Woche konnte ich doch noch super bis zum Boden, warum heute nicht?“ – Weil der Zyklus eine Woche weiter ist und sich die Hormonlage bereits geändert hat und dadurch Muskeln und Gelenke steifer geworden sind.

Mir ist wichtig, alle Yoga-Übenden, ob schwanger oder mit Menopause-Problemen in den Unterricht zu integrieren und einen Weg zu zeigen, wie sie optimal für sich in jedem Moment ihres Zyklus üben können. Dazu gehört, das wir lernen, welches Hilfsmittel wie eingesetzt werden kann und wie man als Frau, z.B. Armbalancen angehen kann oder andere Asanas, die Männern leicht fallen aufgrund ihrer unterschiedlichen Muskelstruktur.



CLC: Sind auch Männer bei Dir willkommen?


CB: Auf jeden Fall! Ich ermutige gerade auch frisch gebackene Lehrer_innen, eine solche Übungssequenz aus meiner Klasse am eigenen Körper zu erfahren. Nur was wir selbst geübt und erforscht haben, können wir weitergeben. Natürlich wird sich auch ein Mann nach einer Sequenz für Schwangere, nie so fühlen können, wie eine schwangere Frau, aber hoffentlich versteht er besser, was eine schwangere Yoga-Übende braucht und warum.



Claudia Lamas Cornejo: Vielen Dank für das Gespräch!

Chandra Baumgärtner: Danke Dir!


 

Claudia Lamas Cornejo 
ist selbstständige PR-Managerin, Iyengar-Yoga-Praktizierende und -Lehrerin.


Ihr Projekt "Iyengar Yoga Blog" verfolgt das Ziel, Themen rund um das Studium und die Praxis des Yoga zu beleuchten, Übungstipps zu geben und verschiedene Stimmen der Iyengar Yoga Gemeinschaft zu Wort kommen zu lassen:


www.claudiyengar.com/blog