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Eine emotionale Erfahrung: Yoga per Online-Livestream in Zeiten der Pandemie


Interview mit Uday Bhosale von Claudia Lamas Cornejo


Iyengar Yoga von zu Hause im Livestream. Foto: Claudiyengar 2021

Als sich die COVID19-Pandemie im März 2020 rasant ausbreitete und verschlimmerte, führte sie zu enormen Verschiebungen und Veränderungen, die unser Leben und das Leben an sich betreffen. Neben Geschäfte und Bildungseinrichtungen, die von einem Tag auf den anderen schließen mussten, sahen sich auch Yogaschulen und -Institutionen, Lehrerende sowie Schülerinnen und Schüler mit einer Situation konfrontiert, mit der niemand gerechnet hätte.


Uday Bhosale, der über viele Jahre am Iyengar Yoga Institut in Pune Unterricht für Kinder und Erwachsene aller Stufen gab und als ein sehr erfahrener Lehrer weltweit Anerkennung genießt, war einer der ersten Iyengar Yoga Lehrer, der das Unterrichten im Rahmen einer Online-Klasse per Livestream ausprobierte. Im folgenden Interview teilt er großzügig seine persönlichen Erfahrungen mit dem Unterrichten von Iyengar Yoga im Online-Live-Format und spricht erstmalig über die vielen Herausforderungen des Unterrichtens von Yoga in Zeiten einer Pandemie.



Claudia Lamas Cornejo:

Uday, wie bist du im März an die neue Situation, Yoga online live von zu Hause aus zu unterrichten, herangegangen?


Uday Bhosale:

Wir Yoga-Übende und -Lehrende waren es immer gewohnt, persönlich zu lernen und zu unterrichten. Als das plötzlich nicht mehr möglich war, schien mir der Online-Unterricht eine Option zu sein, die ich sofort ausprobieren wollte. Also, veranstalteten meine Frau Sonali und ich einen Schnupperkurs und luden dazu ein paar enge Freunde (virtuell über Zoom) ein und ich unterrichtete eine halbe Stunde lang. Wir merkten sofort, dass das etwas völlig anders ist, aber dennoch machbar.

Eine der anfänglichen Herausforderungen bestand darin, sich mit der Idee des Online-Unterrichts generell anzufreunden. „Wie können wir jemanden unterrichten, wenn wir nicht im selben Raum anwesend sind?“, war der Gedanke, der allen durch den Kopf ging. Ein weiteres Problem bei vielen Schülern und Lehrern war eine gewisse Technikphobie. Nicht zu wissen, wie die Anwendung auf den verschiedenen Geräten zu installieren ist, das Gerät richtig zu platzieren, Gerüchte, dass die Anwendung nicht sicher sei und Nachrichten über abgestürzte Meetings – Zoombomber – all dies führte bei vielen zu Widerständen, Online-Kurse überhaupt auszuprobieren. Manchmal scheiterte es schon daran, von heute auf morgen eine stabile Internetverbindung zu bekommen.


Wir begannen mit der Absicht, die Schüler virtuell zu erreichen und sie für eine einstündige Sitzung zu versammeln und grundlegende Übungen durchzuführen. Auch Zeit für virtuelle Geselligkeit plante ich von Anfang an mit ein. Viele Freunde aus dem ganzen Land und aus verschiedenen Ländern konnten sich so vor und nach dem Unterricht treffen und sich unterhalten. Zusammen mit der Asana-Praxis erschien mir dies ein wichtiger Beitrag für viele Menschen zu sein, die plötzlich allein und in Isolation waren. Ein Schüler in einer der ersten Klassen erwähnte, dass es eine überwältigende emotionale Erfahrung sei, die eigenen Freunde aus den Yogaklassen nach vielen Wochen der Isolation nun virtuell wiederzusehen.


Am Anfang fühlte es sich für uns wie eine Mission an, diese Art des Unterrichts zu vermitteln und dafür zu werben. Denn so konnten Lehrende weiterhin ihren Lebensunterhalt verdienen und Schülerinnen und Schüler konnten ihre Yogapraxis weiterführen, während sie zu Hause eingesperrt waren. Langsam aber sicher begann es sich also zumindest hier in UK herumzusprechen und viele Lehrerinnen und Lehrer wandten sich hilfesuchend an uns und wir waren froh, dass wir unsere Erfahrungen weitergeben konnten.

Mit Hilfe der Iyengar Yoga Association (UK) verteilten wir ein Dokument mit grundlegenden Tips, wie man am besten vorgeht, um Online-Yoga-Kurse zu unterrichten.


CLC: Auf welche anderen Schwierigkeiten bist du persönlich beim Online-Unterrichten gestoßen?


UB:

Im Laufe der Monate haben wir festgestellt, dass dieses Medium sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Die größte Schwierigkeit ist das Fehlen von Berührungen. Das Fehlen der physischen Präsenz des Lehrenden. Als Lehrer kann ich nicht mehr zu dir sagen: "Nur zu, versuch es, ich bin bei dir.“

Der Trost und die Zuversicht, die ein Lehrer vermitteln kann, während ein Schüler zögert oder Angst hat, etwas auszuprobieren, kann in diesem Modus nicht stattfinden. Die geschickte körperliche Korrektur, die ein erfahrener Lehrer bei dir durchführen kann, kann online nicht geschehen.

Es ist nur eine klare Anweisung, die ich dir als Lehrer geben kann. Ich muss auf die Fähigkeit des Schülers vertrauen, meiner Anweisung sicher zu folgen. Dies kann bei weniger komplexen und weniger schwierigen Asanas gelingen.

Eine weitere Hürde, vor allem am Anfang, besteht darin, die Schüler an die Benutzung des Geräts heranzuführen und sich so vor die Kamera zu stellen, dass ich sie sehen und bei Bedarf korrigieren kann.



CLC: Würdest du also sagen, dass das Online-Live-Unterrichten deine Art zu Unterrichten beeinflusst? Verändert es in gewisser Weise sogar deinen Unterricht?


UB:

Ein guter Lehrer wird sich immer an die jeweilige Situation anpassen. Das kann in Bezug auf die Übenden vor einem sein oder auf den Ort. Der Unterrichtsansatz ändert sich, je nachdem, ob man eine kleine Klasse oder eine größere Gruppe unterrichtet. Online-Live-Unterrichten ist ein völlig neues Medium, das einige Anpassungen und Gewöhnung erfordert.

Es ist wichtig, klar zu vermitteln, was die Schüler in der Klasse tun sollen. Daher helfen klare Demonstrationen aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Beste daran ist, dass jeder das, was ich zeige, deutlich sehen kann. Jetzt, gibt es kein Problem, dass jemand anderes im Raum vor einem die Sicht versperrt, was in größeren Klassen oder bei Conventions oft passiert.

Mit klaren Anweisungen zu erklären, zu demonstrieren und dann durchzuführen, während ich die Übenden beobachte, hat mir geholfen, die Online-Klassen effektiv zu leiten.


Wann immer ich meine Schüler aus einem anderen Blickwinkel sehen muss, bitte ich sie, sich in eine bestimmte Richtung zu drehen oder die Kamera so einzustellen, dass ich einen klareren Blick auf ihr Asana bekomme. Als Lehrer ist es für mich einfach, die Anzahl der Schüler auf demselben Bildschirm zu sehen und zu überprüfen.

Gleichzeitig ermutige ich meine Schüler, ihre Situation selbst einzuschätzen, während sie etwas versuchen, das ihren Fähigkeiten entspricht. In diesem Format ist es besser, auf Nummer sicher zu gehen und den Mut des Schülers langsam über einen gewissen Zeitraum aufzubauen.

Übrigens, wir haben einen überraschenden Vorteil des Online-Formats erkannt: Viele Schüler berichteten, dass sie sich konzentrierter und verantwortungsbewusster fühlen und verhalten, als sie es im Klassenzimmer tun. Sie haben keine anderen Ablenkungen. Sie wissen, dass sie für ihre Sicherheit selbst verantwortlich sind, und sind daher konzentrierter und vorsichtiger. Einige Schüler sagten sogar, dass sie keinen Gruppendruck haben, da sie nicht sehen können, was andere in der Klasse leisten. Online-Live-Yoga ist wie eine 1 zu 1 Klassenerfahrung, die, wenn ich es mir recht überlege, etwas Besonderes ist...



CLC: ...zum ersten Mal in der heutigen Yoga-Zeit ist der Schüler sozusagen "allein" mit seinem Lehrer! 
Gleichzeitig sind wir als Yogaschüler und Yogalehrer rund um den Globus mehr denn je physisch isoliert und virtuell verbunden - wie wirkt sich das deiner Meinung nach auf unsere Yoga-Gemeinschaft aus?


UB:

Zu Beginn des Lockdowns und immer noch, gibt es eine große Sorge, wie die Yogalehrer überleben können, da der Präsenz-Unterricht ausfallen musst. Sonali und ich haben uns anfangs freiwillig gemeldet, um über dieses Medium zu berichten, Erfahrungen zu teilen. Wir boten den Lehrern an, an meinem Unterricht gegen eine geringe Gebühr teilzunehmen, damit sie erfahren konnten, wie der Unterricht in diesem Format durchgeführt werden kann. Heute unterrichten die meisten Lehrer in UK mit Freude online und entdecken zunehmenden auch die Vorteile: Da der Unterricht virtuell ist, können Schüler aus jeder Ecke der Welt teilnehmen. Ich hatte Schüler, die um Mitternacht aus Kanada oder in den verrückten frühen Morgenstunden um 4:30 Uhr aus Südamerika mitgemacht haben. Dieses Format eröffnet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, an Kursen mit Lehrern aus der ganzen Welt teilzunehmen. In gewisser Weise haben die Schüler jetzt die Qual der Wahl.